In diesem Stadtviertel stehen die Straßenlaternen jeweils nur auf einer Straßenseite. Geht man drunter her, ist alles gut. Geht man aber auf der falschen Straßenseite, sieht man auf dem Boden tiefe Krater* und lange Schatten. Jaja, ich denke noch darüber nach, wofür das eine Metapher ist.
*Warum das T9 meines Mobiltelefons aus Krater Kraues macht, hat es mir auch noch nicht verraten ...
Ein vernieselter Samstagabend im November: Durch die straßenlichtbefunzelte Dunkelheit humpelt vor mir müde und erschöpft ein Hermes-Bote, um eine der Sendungen loszuwerden, die er in der Woche nicht hatte zustellen können und für die er wahrscheinlich insgesamt nur ein paar Cent bekommt. Ich hatte ihn schon zweimal hier gesehen diese Woche, und immer wieder htte er unverrichteter Dinge abziehen müsssen.
So wie er jetzt den Gehweg entlang hinkt, wirkt er eher wie ein Hephaistos, der sich ins 21. Jahrhundert durchgeschleppt hat. Ich gehe hinter ihm her und stelle mir seine Familie zu Hause vor. Es ist einer dieser Augenblicke, in denen die Ungerechtigkeit und das Elend dieser Welt kulminiert.
Von mir aus könnt ihr mich ruhig sentimental nennen.
Eine gute Lobby hat er nun wirklich nicht, der November, allerhöchstens unter rheinischen Karnevalsfreunden. Ansonsten: Nebel, Niesel, erster Schnee, Erkältungen und verzweifelte erste Gedanken an die mit Hochgeschwindigkeit herannanhenden Jahresendfeiertage. Und die Wettervorhersage sieht ja auch entsprechend aus. Deshalb bringen wir aus gegebenem Anlass ein bisschen gemeinfreie Lyrik:
Herbsttag Reiner Maria Rilke
Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin, und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
So, jetzt ist aber hier erstmal Schluss. Ich muss noch ein paar BriefeMails schreiben. Und dann wollte ich auch noch spazieren gehen ... Bis demnächst also!
Manchmal entdeckt man auf den Reisen durch die große, weite Welt des Internets etwas, das in seiner unspektakulären, bescheidenen Art und Weise um so vieles ansprechender wirkt, als dieses ganze schrillbunte semiprofessionelle Gezwitscher. Zum Beispiel diese drei Songs hier: Wir stellen uns vor, wir sitzen in einem alten Golf und fahren - sagen wir: ans Meer. Es ist spät. Vielleicht regnet es auch. Die Mädchen schlafen hinten auf der Rückbank. Und im Radio läuft das hier.
Untergrundmagazin, Slam Poetry Slam, Rock’n’Roll, High Pitched Emotions, jugendlicher Aufruhr, väterlicher Rat, Verlautbarungen des Guten, Schönen und Wahren™, treuer Begleiter in schlafloser Nacht, Fieberträume, die Stimme, die früher im Radio zu Hause war, Westerwelle-Verabschiedungskomitee, Senses Working Overtime ...
"October And the trees are stripped bare Of all they wear What do I care October And kingdoms rise And kingdoms fall But you go on ..." U2, October
Der Herbst macht es einem sehr schwer, finde ich: Die Tage werden brutal kurz, laufen kann man auch nicht mehr richtig draußen, weil es, wenn ich Zeit habe, schon dunkel ist und man sich bei diesem glatten Laub überall sowieso schnell mal auf den Allerwertesten setzt. Und dann die ganzen Drohungen, die in der Luft liegen: November, Winter, schwarz-gelb ...
Auf dem Weg von H1 nach H2. Wie ein rollender Stein. Zwei gänzlich unterschiedliche Welten. H1 scheint sich allmählich aufzulösen, wirkt seltsam flüchtig. Ist aber vielleicht auch nur eine Einbildung, wenn ich gerade nicht dort bin ... Oder es ist dann doch die Identitätskrise. Mal sehen, wie es ist, wenn ich angekommen bin.
Ein hagerer Dichter aus Leimen, der wollt’ seine Lyrik stets reimen. Aber’s Liebchen sprach laut: „Das ist doch längst out!“ Drum reimt er nur noch im Geheimen.