Freitag, 18. August 2006

Mit der Lupe in der Buchhandlung

Es war in einer dieser Buchhandlungsketten, in die es mich verschlagen hatte. Ich stand kurz vor einer längeren Bahnreise und hatte gedacht, dass es sicherlich nett wäre, etwas leichte Lektüre einzupacken für unterwegs. Nun ist es ja in diesen Buchhandelskettenfilialen nicht so ganz einfach Bücher zu finden. Ich irrte zwischen Unmengen von Moleskine-Kladden, Spieluhren, Schokoladentäfelchen mit witzlosen Sprüchen, Kugelschreibern und Special-Interest-Zeitschriften ("So spalten Sie schmerzlos Ihre Zunge: 20 Tipps, die Sie unbedingt beherzigen sollten") und erblickte erst nach geraumer Zeit am Horizont endlich: Bücher. Es waren Geschenkbücher, Kräuter-, Koch- und Fußballbücher, Kompendien irgendwelchen nutzlosen Wissens etc., aber es waren schon mal Bücher. Scherzeshalber fragte ich die Fachkraft, die ich in meiner Nähe entdeckte, nach der Lyrikabteilung. Sie verwies achselzuckend auf eine Ecke, in der zwei Bändchen mit Brechtgedichten neben einer Goetheauswahl lag. Aha, die Lyrikabteilung also! Aber ich wollte ja gar keine Lyrik. Ich wollte was Leichtes. Allerdings nichts im Stil von "Mama, ihme schmeckt es nichte" oder "Papa, Üwe hat mein Döner verschmäht". Wenn man noch Beweise für den Niedergang des deutschsprachigen Humors bräuchte, dann müsste man so etwas lesen. Offensichtlich waren meine Ansprüche aber jenseits des Marktes. Eine gute halbe Stunde verbrachte ich in dem Supermarkt formely known as Buchhandlung, bevor ich entnervt das Handtuch schmiss, das ich als Anhalter-Leser ja immer dabei habe, und schon gehen wollte, als ich aus meinen Augenwinkeln eine (zwar erbärmliche, aber immerhin:) Auswahl von Penguin Popular Classics entdeckte, zum Preis von 3 Euro pro Band. Fein, dachte ich, und schaute durch die Buchreihe. Die Auswahl war natürlich markerweichend: Grimm’s Fairy Tales standen da neben Madame Bowary, Crime and Punishment wurde flankiert von Heidi. Lauter Klassiker der englischen Literatur. Aber ich gab nicht auf, und nach zwei Minuten Hin- und Herschiebens des kompletten Regalbestands fand ich dann tatsächlich auch noch zwei originär englischsprachige Werke: Fitzgeralds The Great Gatsby, den ich auswendig singen kann, und The Adventures of Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle.
Jetzt kommt der Augenblick, in dem ich mich bekennen muss: Ich kannte Sherlock Holmes bis dahin nur aus dem Fernsehen. Und aus dem Englischbuch. Und aus der Werbung. Gelesen hatte ich noch keine seiner Abenteuer. Es war mir daher durchaus 3 Euro wert, diese Lücke meiner literarischen Bildung zu schließen. Also ging ich zur Kasse, legte 3 Euro auf den Tresen und erhielt, eingepackt in eine Tüte mit etwa 4 Kilo Werbeprospekten, meinen Sherlock Holmes.
Und hier ist nun der Ort für mein zweites Bekenntnis: Auf der Bahnreise kam ich nicht dazu, Holmes zu lesen. Das lag allerdings nicht nur an den lauten Kids, die in der Reihe vor mir saßen (Lang lebe der Großraumwagen!) und demonstrierten, wie stark man die deutsche Sprache demütigen kann, ohne deshalb mit den geringsten Konsequenzen rechnen zu müssen. Es war auch einem kleinen Bändchen Gespenstergeschichten von Ambrose Bierce (Das Spukhaus, Frankfurt am Main: Insel, 6 Euro) geschuldet, das ich zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, und das – der Schenker hatte mich vorgewarnt – wirklich ziemlich kranke Erzählungen enthält. Erst im Sommerurlaub kam ich zu Sherlock Holmes. Und was ich las, das überraschte mich in gleich mehrfacher Hinsicht. Zunächst die Sprache: Der Stil dieser Erzählungen ist ruhig, einfach und unglaublich schön. Die Beschreibungen wirken wie klares Quellwasser, die Dialoge müssen zu ihrer Zeit wirklich supercool gewirkt haben: „Pray take a seat!“ Kann man netter zum Hinsetzen aufgefordert werden? Und dann die Beschreibungen des viktorianischen Londons und Ergebung: Kein Reiseführer kriegt so etwas hin: Hundekarren, Vorortzüge, verschneite Großstadtstraßen. Das alles ist ganz herrlich und macht regelrecht süchtig. Und dann die Figuren: Sherlock Holmes als koksendes, verschrobenes Genie, dem Verteidiger der Aufklärung, des Guten und Wahren, dem Idealbild der Vor- bzw. Frühmoderne. Dagegen Watson, mit Raabes Eduard aus Stopfkuchen zusammen einer der Väter des ahnungslosen Erzählers, ist ganz Herz und Seele. Und deshalb natürlich auch Spießer. Von den wunderbaren Schurken, versnobten Adeligen, die in Holmes sofort einen republikanischen Reflex auslösen, sowie den grandiosen Frauenfiguren will ich gar nichts weiter sagen. Davon zu schwärmen reicht völlig!
Die Kriminalfälle wirken aus heutiger Sicht nicht so grandios. Oftmals machen sie den Eindruck, an den Haaren herbeigezogen zu sein. Aber das tut den grandiosen Erzählungen Doyles keinen Abbruch. Wer Gelegenheit hat, für diesen Spottpreis dieses prächtige Buch zu erstehen, der möge keinen Augenblick zögern.
The Adventures of Sherlock Holmes war die erste Veröffentlichung von Holmes-Geschichte in Buchform. Erschienen 1892, eröffneten sie einen Reigen weiterer Sammelbände, die ich natürlich alle noch nicht kenne. Auch The Hound of Baskerville kenne ich bislang nur aus dem Fernsehen. Aber das wird sich mit Sicherheit ändern. Denn den gibt es auch als Penguin Popular Classic, und wenn ich Glück habe sogar im Gemischtwarenladen called Buchhandlung.
Eine Besonderheit der PPC-Ausgabe ist übrigens, dass man irgendeinen alten Satz des Buches verwendet hat. Das erhöht den Authentizitätsfaktor der Lektüre enorm. Am schönsten daran ist der doppelte Abstand hinter den Punkten. Wie zu Großvaters Zeiten!

Sir Arthur Conan Doyle: The Adventures of Sherlock Holmes. Penguin Popular Classics. London: Pengiuin, 1994, ca. 3 Euro.

Mittwoch, 16. August 2006

It's Now Or Never!

Ach ja, und dann hebe ich meine Tasse mit Pfefferminztee noch schnell zum Gedenken an Elvis. Nicht unbedingt wegen seiner guten Musik, versteht sich, sondern als kulturelles Phänomen, wegen meiner Mutter, meines Bruders und John Lennon. Zum Wohle!

Sorry Günter!

Sorry, ich habe keine Zeit mich um Günter Grass zu kümmern. Ich leide nämlich! Kranksein ist ja schon im Winter nicht schön. Wenn man aber mitten im Hochsommer von einer Erkältung heimgesucht wird, dann ist das in höchstem Maße demotivierend. Als ich gestern Morgen aufstand (nein, das wird kein Blues, wenigstens kein 12 Bar Blues), da zog sich ein elender Schmerz meine Wirbelsäule entlang. Aha, dachte ich, da werde ich mich wohl an den vielen Büchern verhoben haben, die ich gestern geschleppt habe, denn bürotechnisch stecke ich mitten in einem Umzug, und der ist mir schon mehr als einmal ins Kreuz gefahren. Aber diesmal war es anders. Der Schmerz zog sich nach oben und breitete sich dann vom Nacken hin überall aus: Kopf, Augen, Hals. Gestern Abend lief ich, niesend und schniefend nur noch zur Laughing-Man-Probe, und mein Gesang klang so ein bisschen wie der von Jim Morrison. Im Übrigen fühlte ich mich auch wie Jim Morrison, ziemlich tot nämlich.
Die Probe zog sich bis in den frühen Morgen, und wenn der Satz trifft, dass jemand ermattet ins Bett fiel, dann traf er auf mich zu heute Morgen gegen 1 Uhr. Ich fiel in einen erst in einen nahezu komatösen Schlaf, träumte dann wie im Drogenrausch von Pariser Friedhöfen, Bassläufen und Unzugkarton mit schweren Büchern. Und dann ... klingelte der Wecker mit einer Erbarmungslosigkeit, die ihresgleichen sucht. Und da waren sie nun wieder, die Kopf- und Gliederschmerzen; diesmal aber in Vollendung. Mit gefühlten 89 Jahren quälte ich mich aus dem Bett, um mein Tagesgeschehen zu verrichten. Ich kam aber nur bis 8:45 Uhr., dann warf diese blöde Erkältung mich zurück in die Horizontale, die ich seither nur verlassen habe, um Tee zu trinken oder neue Taschentücher zu holen. Auch dies schreibe ich liegend, und weil mir der Nacken dabei steif zu werden droht, höre ich jetzt lieber auf und kucke Fußball. Tot ziens!

Samstag, 12. August 2006

So blogten sie im alten Rom

Aus den diversen Altblogs, die das Netz noch bevölkern - oder eben nicht mehr, werde ich im Laufe der nächsten Zeit die entsprechenden Einträge hierher übertragen. Die Posts werden unter dem Originaldatum erscheinen, allerdings entsprechend gekennzeichnet. So lügen wir uns die eigene Vergangenheit zurecht. Tot ziens!

Donnerstag, 10. August 2006

Heut geh' ich ins Maxim

Schnell noch ein bisschen Werbung gemacht, bevor die Mittagspause vorbei ist, nämlich für Jan Drees' Hörbuchpräsentation von Letzte Tage, jetzt im Maxim, Kirchstr. 10, Wuppertal. Heute Abend ab 20:30 Uhr. Und hier das Cover der CD, weil es schon als Buchumschlag so schön war:

Dienstag, 8. August 2006

This Floating World

Es begann mit elektrisierten 3 Minuten und 39 Sekunden, die ich im Jahre 2000 irgendwann nachts vor dem Radio verbrachte, während ich etwas über Loriot schrieb. „Made Us, Make Us“ kam da aus dem Lautsprecher, und der Song drang mir bis ins Mark. Die Band hieß Justin Lewis Orchestra, und am nächsten Tag hielt ich deren Single in der Hand, ein genialisches Meisterwerk. Auf das angekündigte Album wartete ich jahrelang vergebens.
This Floating World. Ich klickte mich durch bis zu ihrer Homepage, von der man zwei wunderbare Songs herunterladen konnte. Und meine Tage waren gerettet: Es gab eine Band, die da weitermachte, wo das JLO aufgehört hatte. Und das machte sie gut. Ich spielte diese beiden Songs Tag und Nacht. Aber natürlich reichte das nicht. Ich wollte mehr. Ich wollte viel mehr. Und ich bekam es. Bekam es sogar von der Band selbst. Es war, als wenn ein Junkie das langersehnte Heroin bekommt, als ich ein ganzes Album mit Songs von This Floating World bekam. Es war eine Demo-CD, aber wie wunderbar waren diese 9 Stücke darauf. Eine seltsame Magie liegt in ihnen verborgen. Ein bisschen verträumt und sehr poetisch wirken sie so, als seien sie nicht von dieser Welt. Zuweilen geraten sie in die Nähe jener Bombastrock-Songs, die Bands wie Yes in den Siebzigern gemacht haben, aber letzten Endes kriegen sie immer wieder die Kurve zum Großen, zum Geheimnisvollen.
Jetzt war ich endgültig abhängig von der Musik von This Floating World, aber leider suchte man in den Läden noch immer umsonst nach CDs dieser grandiosen Band aus Sheffield. Welche Plattenfirma lässt sich so etwas entgehen, fragte ich mich. Und dann bekam ich per E-Mail eines Tages ein Stück, dass alles andere von This Floating World bislang in den Schatten stellte. „Ghosts“ hieß das musikalische Kleinod, ohne das ich fortan nicht mehr aus dem Haus ging. Gebannt auf meinen mp3-Player, hatte ich „Ghosts“ immer dabei. Und dann ... wurde es still um TFW. Die ohnehin nicht sehr informative Homepage verzichtete auch auf die letzten Fakten, Blicke in den Veranstaltungskalender blieben ebenso ergebnislos wie wiederholte Recherchen im Internet. Schon glaubte ich, wieder habe eine großartige, hoffnungsvolle Band sich aufgelöst.
Aber dann kam ich diesen Sommer aus dem Urlaub zurück und fand eine neue Demo-CD mit Stücken von This Floating World. This Floating World lebt! 6 Stücke befinden sich auf Beautiful Loser, und obwohl die Musik der Band inzwischen etwas anders klingt, nicht zuletzt, weil es Umbesetzungen gab, hat sie von der ursprünglichen Magie nichts verloren. Der Sound ist nun trockener, die Bläser stehen weiter im Vordergrund, der Wegfall des Cellos ändert ein wenig die Richtung. Aber was bleibt, sind wunderbare Songs, gesungen von wunderbaren Stimmen und auf eine Art und Weise gespielt, die nie lässig ist oder cool – sondern immer engagiert, wach und bereit, das Beste zu geben.

Sonntag, 6. August 2006

What Have They Done To My Ligatur, Mama


Vielerlei Unsitten schleichen sich ja nicht zuletzt über Weblogs in die Sprache. Eine dieser Unsitten, die in deutschen Blogs begegnet, ist die Leugnung des ß. Eine nette Eigenheit der deutschen Sprache, ein ästhetisches Kleinod wird da häufig mit den fadenscheinigsten Argumenten und meist auf völlig uninformierte Weise abgeschossen. Wenn es überhaupt diskutiert wird. Ein musterhaftes Beispiel ist da die Riesenmaschine, jenes Medium, in dem u.a. Bachmann-price winning Kathrin Paßig schreibt. Die Bachmann-Turner-Overdrive-Sache fand ich übrigens ganz spaßig, das Weblog ist es irgendwie so gar nicht. Aber dazu vielleicht später einmal mehr. Jetzt geht es ja um das ß. Und da fordere ich ja schon seit Jahrzehnten die Erfindung eines großen ß.

Freitag, 4. August 2006

Von Tontöpfen und Nachtclubs

Der Alltag zeigt sich im Moment von seiner unbarmherzigsten Seite. Es bleibt kaum Zeit für die eigenen liebgewordenen Schrullen, zu denen es ja auch gehört, dieses Weblog ab und zu mit ein bisschen Content zu bestücken. Im Moment aber druckt der Drucker langsam etwa 500 Seiten vor sich hin, und ich habe nichts zu tun, als ihn dabei ein wenig zu beaufsichtigen. Also schnell den alten Feuerfuchs geöffnet - und hier bin ich also mal wieder, um ein paar Neuigkeiten auszuplaudern. Zunächst mal Neuigkeiten aus Blogland. In Ergänzung zur Leseliste habe ich nun einen Topf getöpfert - den Tontopf. Dort soll es zu und um allerlei Musikalisches gehen. Mein kleines Musikwebblog. Wenn jemand dort mittun will, um mal so einen in Politikerkreisen beliebten Archaismus zu benutzen, ist er oder sie natürlich sehr herzlich eingeladen.
Ebenfalls um Musik geht es bei den Neuigkeiten, die auf der Bandseite schon angekündigt worden sind: Der Auftritt von The Laughing Man am 31.8.2006 im Maxim. Inzwischen nimmt die ganze Angelegenheit schon ziemlich konkrete Formen an. Aktuelle Informationen dazu gibt es (mehr oder weniger) laufend auf der Bandseite. Oder bei MySpace. Beides erreicht man hier über die Linkliste auf der rechten Seite.
Ach ja, und dann bräuchte ich für den Anfang des Septembers noch eine ganz weit abglegene Bleibe, in die ich mich 14 Tage ganz, ganz alleine zurückziehen kann, um bestimmte Arbeiten abzuschließen, für sie ich sozusagen in Klausur gehen muss. Wenn jemand eine Idee hat, so möge er mir bitte via Mail-Button (auch auf der rechten Seite, nur weiter unten) davon verraten.
So, und nun ist es passiert. Der Drucker hat 100 Blätter auf einmal eingezogen und sich erst einmal verabschiedet. Ebendies tue ich jetzt auch. Bis demnächst!

Intro empfiehlt

Intro empfiehlt folgende Musikblogs, die ich mir bei nächster Gelegenheit einmal näher ankucken will:
Popnutten
Yet Another Indie Disco
Popblog
Nicorola
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Rote Raupe