Mittwoch, 24. Mai 2006

Vechta, Blicke

Brinkmann revisited: Es ist nie ungefährlich, sich nach langer Zeit den Helden der eigenen Jugend wieder zuzuwenden. Schon als ich die kleine Gedichtsammlung Westwärts 1 & 2 von Rolf Dieter Brinkmann (Rowohlt Taschenbuch, etwa € 9,50), ein in Erfüllung gegangener Nikolauswunsch, in der Hand hielt, hatte ich ein beklommenes Gefühl. Ich kannte das Buch ja noch von damals, als ich mittellos durch die Buchhandlungen geschlichen war, in seiner Erstausgaben-Aufmachung aus der alten Taschenbuchreihe "Das neue Buch". Die Neuausgabe sieht noch fast genauso aus wie früher. Aber der Zauber von damals hat sich merkwürdig gewandelt.
Damals war noch alles anders! Ich hatte Rom, Blicke aus der Stadtbibliothek geliehen und war in den Bann der Reise- und Traumbeschreibungen dieses angenehm wirkenden Hippies gestoßen. Und nun hielt ich, mit zwanzig Jahren Verspätung, die Gedichte in der Hand und fühlte mich beklommen. Und dann las ich. Und ich las. Und ich wusste nicht, ob mir das, was ich da las, gefiel, aus Sentimentalitätsgründen gefallen musste, oder nicht so.
Ich glaube: eher nicht so. Die Gedichte sind größtenteils schlecht. Manchmal, wenn sie ins Subjektiv-Persönliche gleiten, sind sie aus heutiger Sicht sogar ziemlich peinlich. Wie naiv Brinkmann an manchen Stelle war! War er das in Rom, Blicke auch schon gewesen, oder hatte ich das nur aufgrund meines zarten Alters nicht gemerkt? Und die sprachlichen Fügungen, die Reihungen, den Rock'n'Roll der Sprache, das war zwar nicht schlecht, aber es war auch nicht originell. Kerouac, Ginsberg usw. hatten das nicht nur viel früher, sondern auch viel besser gemacht. Ratlosigkeit machte sich breit. Aber weil ich es nicht wahrhaben wollte, las ich immer weiter. Und das war mein Glück! Denn zwischen all dem Staub, dem Dreck, dem abgestandenen Wortplastikmüll der 70er, da funkelte es hin und wieder, gelang ein Vers, eine Strophe, eine Seite, baute sich hier und da etwas zu magischer Poesie auf, die funktionierte wie ein perfekter Popsong!
Er ist also noch da, der Brinkmann meiner Jugend, nur ist er ein wenig zugeschüttet unter dem Geröll der Zeit. Demnächst werde ich übrigens mal wieder die Stadtbibliothek besuchen und mir Rom, Blicke ausleihen. Wie das wohl nun nach 20 Jahren wirken mag ... [2002]

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