Dienstag, 24. Februar 2009

Blutbad im Arbeitsamt

Enno Stahl, promovierter Germanist übrigens, ignoriert in seinem Roman Diese Seelen (Berlin: Verbrecher, 2008, 22,90 Euro) zunächst einmal einen Gutteil dessen, was man als Roman-Dramaturgie bezeichnen könnte. Er erzählt keine Geschichte, sondern er schildert vier Lebensläufe, die sich mehr oder weniger stark berühren. All diesen Lebensläufen ist gemein, dass die Ausgeburt unserer neoliberaler Gesellschaftsform diesen Lebensläufen arg zusetzt. So zumindest liest man es immer wieder. Die Wahrheit ist, dass nicht die neoliberale Gesellschaft, sondern das Erwachsenwerden und die Erziehung diesen Menschen zusetzt, ihre Träume kappt, sie in den realistischen Alltag einbetten, ihre Erziehung und ihre gnadenlose Arroganz. Jene, die nicht arrogant sind, die sich bescheiden, die auf den Teppich zurück kommen, die kommen übrigens irgendwie durch.

Wenn man diesen Roman also als Mahnung und Warnung in Sachen Gesellschaft liest, ist er misslungen. Wenn man in ihm eine raffinierte Romankomposition sucht, dann sucht man vergebens, und man könnte sich fragen: Wofür haben wir den Mann eigentlich auf die Uni geschickt?

Trotzdem ist dieser Roman gut.

Er ist gut, weil er Lebensläufe erzählt, die interessant sind und die einen berühren, weil man sie kennt: von sich selber, von Freunden, von wem auch immer. Es sind Geschichten von Menschen, denen das Schicksal immer mal wieder auf die Fresse gibt, aber die weiter machen, was immer sie gerade machen. Es sind Menschen, die am Ende ganz kaputt sind (Robert), die durchhalten (Tess) oder sich in ihr Schicksal fügen und damit leben (Michaela, Jürgen). Und diese Lebensläufe schildert Stahl einfühlsam (vor allem bei Jürgen und Michaela) und auf eine Art, die das Lesen sehr angenehm macht. Denn Stahl kann gut schreiben. Vor allem seine Dialoge sind gut, mit einem feinen Sprachgespür geschrieben. Offenbar hat er seiner Umwelt gut zugehört.

Das Buch ist an keiner Stelle langweilig. Es ist ab und zu ein bisschen überkandidelt, vor allem in der Betrachtung Roberts und Tess', es fügt Handlungsstränge und Figuren ein, die eigentlich keine Rolle spielen und all solche Dinge. Manche Nebenfiguren (z.B. Walter) haben starke Brüche. Aber ich bereue keine Sekunde, die ich mit diesem Buch verbracht habe, denn es bleibt ein Nachklang davon. Und der bleibt wahrscheinlich nicht zuletzt auch deswegen, weil Stahl beinahe sämtliche Romankompositionsformen ignoriert.

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